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Cassian, der erste bedeutende Mönchsschriftsteller im Westen, erklärt das Wesen der peregrinatio in seiner Interpretation von Gen 12,1. Dort ist von einem dreifachen Auszug die Rede: vom Auszug aus der Heimat, aus der Verwandtschaft und aus dem Vaterhaus. Auszug aus der Heimat bedeutet für Cassian den Verzicht auf alle Güter dieser Welt, das Loslassen aller Bindungen an diese Welt. Wer die Welt lässt, der besitzt nichts mehr, er wird arm. Im Schweigen lässt der Mensch den Reichtum des Wortes los. Er hat nichts, womit er glänzen und Ein
druck machen kann. Er kann nichts vorweisen, keine gekonnten Formulierungen, keine weisen Gedanken. Er wird innerlich arm, arm im Geiste.
Das bezieht sich nicht bloß auf das Sprechen, sondern auch auf die Gedanken. Schweigen bedeutet nicht, sich in den Weiten seiner Phantasie zu ergehen, sondern auch arm an Gedanken zu werden, sich mit wenigen Gedanken zu begnügen, die einen in die Sammlung führen. Die ruminatio, dag Wiederkäuen von Worten aus der Schrift beschränkt sich bei manchen Altvätern auf einen einzigen Psalmvers. Und sie verstehen es als Armut im Geiste, von einem einzigen Schriftwort her zu leben und sich von ihm innerlich ganz einfach machen zu lassen.
Auszug aus der Verwandtschaft ist für Cassian Auszug aus dem früheren Lebenswandel, aus unseren Gewohnheiten und Lastern, die uns von Geburt an anhängen und uns innerlich so eingeschmolzen sind, dass sie uns gleichsam blutsverwandt sind. Dieser Auszug schließt mit dem Verzicht auf das vergangene Leben auch den Verzicht auf die Gefühle und Affekte der Vergangenheit ein. Wir sollen uns von dem trennen, was unser Herz in Beschlag nahm. Cassian verwehrt uns hier die Regression, das sich Zurückziehen auf vergangene Stadien, die Flucht vor der Realität der Gegenwart in die schönere Vergangenheit, in der man noch umsorgt war, in der man Erfolge vorweisen konnte. Schweigen als Auszug aus der Verwandtschaft meint also ein Loslassen der Erinnerungen. Man soll sich und seine Vergangenheit nicht so wichtig nehmen. Man soll nicht vor dem gegenwärtigen Gott mit seiner Phantasie in seine Vergangenheit flüchten, um sich dort wohl zu fühlen. Es gibt Menschen, die kehren immer wieder in ihre Vergangenheit zurück, sie versuchen, ständig schöne Erlebnisse noch einmal zu durchleben.


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