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Guigo L, fünfter Prior der Chartreuse
Über das eremitische Leben
.Dem hochverehrten Herrn N. wünscht Guigo, der Geringste der Diener des Kreuzes in der Kartause, „zu leben und zu sterben für Christus”.
Mag einer glücklich schätzen, wen immer er will. Ich jedenfalls halte für glücklich nicht jenen, der nach den Ehren der Paläste giert, sondern jenen, der sich demütig dazu entscheidet, ein bescheidenes Leben in der Abgeschiedenheit zu führen, der es liebt, in der Ruhe die Weisheit zu suchen, der danach verlangt, allein im Schweigen zu verharren.
Denn sich in Macht und Ehren glänzend darzustellen, sich in Würden und Ehrenämtern hervorzutun, ist meiner Überzeugung nach eine ziemlich unsichere Angelegenheit: man ist vielen Gefahren ausgesetzt, von Sorgen und Unruhen bedroht, von vielen verdächtigt, vor niemandem sicher. Die Sache ist frohmachend zu Beginn, verworren in der Verwirklichung, traurig am Ende. Unwürdige begünstigt sie, Gute setzt sie herab, fast immer enttäuscht sie beide. Und während sie viele jämmerlich scheitern lässt, macht sie niemanden selig oder glücklich.
Dagegen ist das arme und einsame Leben zu Beginn schwierig, mit fortschreitender Verwirklichung einfach, am Ende himmlisch. In Widrigkeiten gewährt es Standfestigkeit, in Zweifeln Verlässlichkeit, im Glücken das rechte Maß. Es ist bescheiden im Lebensunterhalt, einfach in der Kleidung, zurückhaltend im Reden, lauter im Verhalten. Ein solches Leben sollte am meisten begehrt werden, weil es am wenigsten begehrlich ist.
Aber was man noch mehr bewundern oder loben sollte: es ist beständig in der Muße (Ruhe), doch so, dass es niemals müßig ist. Denn in ihm stellen sich immer zahlreichere Aufgaben, so dass es ihm häufiger an Zeit als an vielfältigen Beschäftigungen mangelt. Und öfter beklagt es sich über den trügerischen Fluss der Zeit als über den Verdruss an der Arbeit.
5. Doch was soll ich noch mehr darüber schreiben? Es ist zwar ein beglückendes Thema, zur (kontemplativen) Ruhe zuzuraten, aber eine solche Ermunterung sucht einen Geist, der wahrhaft eigenständig ist und der es aus Sorge um sein Heil ablehnt, in fremde oder öffentliche Geschäfte hineinverwickelt zu werden; ein Geist, der in Christus seine Ruhe gefunden hat und ihm so dient, dass er nicht zugleich Streiter Gottes und Helfershelfer der Welt sein will; ein Geist, der mit Sicherheit weiß, dass er sich nicht hier und jetzt mit der Welt vergnügen und künftig mit dem Herrn herrschen kann.


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